Das Vermächtnis

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Rechnungsbuch des Stadtschreibers Anthoni Archer mit dem Vermerk der Gabe an Bruder Klaus

Am 4. Dezember 1482 liessen die Berner Ratsherren zum Dank für seine Vermittlertätigkeit Bruder Klaus 40 Pfund zukommen. Bruder Klaus dankte ihnen mit einem Brief, in dem er „von Liebe wegen“ mehr als nur formal korrekt den Eingang dieser grossen Gabe bestätigte. Gegen alle seine sonstige Gewohnheit hielt er den Ratsherren eine kleine Predigt. Mit knappen 340 Worten gibt er den Lesern des Briefes Anteil an dem, was ihn im Verlauf seines Lebens bewegt hatte und ihm an Einsichten zuteil geworden war. Damit bietet der Brief eine dicht gedrängte Zusammenfassung des Evangeliums – so wie sich die Botschaft aus dem jüdischen Volk dem innerschweizerischen Bauern und dem zurückgezogenen Beter ins Herz geschrieben hatte. Der Brief ist zweifellos eines der bedeutendsten Zeugnisse der europäischen Frömmigkeitsgeschichte und der christlichen Liebe.

Die Stiftung Bruder Klaus hat zum Zweck, den geistigen Gehalt dieses Briefes in seiner Aktualität neu ins Bewusstsein zu rufen http://stiftungbruderklaus.ch.

Der Brief in seinem Wortlaut:

Den Ehrwürdigen! Der Name Jesus sei euer Gruss, und wir wünschen euch viel Gutes und danken euch viel Gutes und der Heilige Geist sei euer letzter Lohn. Ich danke euch ernst und innig eure freundliche Gabe, erkenne ich doch darin eure väterliche Liebe, die mich mehr freute als die Gabe. Ihr sollt wissen, dass ich gar zufrieden bin, und wäre sie auch die Hälfte kleiner, so wäre ich gar wohl zufrieden. Und wenn ich es um eure Liebe könnte verdienen, vor Gott oder der Welt, so wollte ich’s tun mit gutem Willen. Der Bote, dem ihr’s aufgegeben, hat mir’s förderlich gebracht. Bitte, lasset ihn euch auch empfohlen sein.

Von Liebe wegen schreibe ich euch mehr. Gehorsam ist die grösste Ehr, die es im Himmel und auf dem Erdreich gibt. Darum sollt ihr schauen, dass ihr einander gehorsam seid, und Weisheit ist das Allerliebst deswegen, weil sie alle Dinge zum Besten anfängt. Fried ist allweg in Gott, denn Gott ist der Fried, und Fried mag nicht zerstört werden, Unfried aber würde zerstört. Darum sollt ihr schauen, dass ihr auf Fried abstellt, Witwen und Waisen beschirmet, wie ihr noch bisher getan. Und wes Glück sich auf dem Erdreich mehret, der soll Gott dankbar dafür sein, so mehret es sich auch im Himmel. Den offenen Sünden soll man wehren und der Gerechtigkeit allweg beistehen.
Ihr sollt auch das Leiden Gottes in euern Herzen tragen, denn es ist des Menschen grösster Trost an seinem letzten End. Mancher Mensch zweifelt am Glauben, und der Teufel tut manchen Einfall durch den Glauben und allermeist durch den Glauben. Wir sollen aber nicht zweif­lerisch darin sein, denn er ist so, wie er gesetzt ist, und ich schreibe euch nicht darum, weil ich glaubte, ihr glaubet nicht recht, mir zweifelt nicht daran, dass ihr gute Christen seid; ich schreibe es euch zu einer Vermahnung, dass, wenn der böse Geist jemanden darum ansucht, er desto ritterlicher wider­stehe. Nicht mehr. Gott sei mit euch. Gegeben auf St.Barbara­tag im 82.Jahr. Darum habe ich mein eigen Insiegel auf diesen Brief drucken lassen.

Ich Bruder Klaus von Flüe

Der Brief in den vier Landessprachen und auf Englisch:
Der Brief in fünf Sprachen